Pectoralis minor – eine Schlüsselmuskulatur bei Trichterbrust?

Dieses Unterkapitel beleuchtet den Musculus pectoralis minor, den kleinen Brustmuskel und seine mögliche Bedeutung beim Auftreten einer Trichterbrust (Pectus Excavatum). Aufbauend auf einem privaten Gedankenaustausch mit Eckart Klobe, Hersteller einer Saugglocke gegen Trichterbrust , wird hinterfragt, wie wichtig das Training des Pectoralis minor für die Behandlung von Patienten mit Trichterbrust ist und ob eine Unterfunktion dieses Muskels für Bewegungsdysfunktionen bei Trichterbrust maßgeblich sein können. Dazu wird die Anatomie der genannten Muskulatur erklärt und es werden wirkungsvolle Übungen zur Lockerung und zur Stärkung dieses Muskels für zuhause vorgestellt. 

Eine auffällige Bewegungsdysfunktion bei Trichterbrust

Der Fachartikel „Regional chest wall motion dysfunction in patients with pectus excavatum demonstrated via optoelectronic plethysmography“ (redlinger et al., 2011, S. 1172ff.) berichtete von einer Patientengruppe mit Trichterbrust, dass dort im Bereich des oberen Sternums (Brustbein) die Bewegung bei der Atmung im Durchschnitt um 51% geringer war als bei einer Kontrollgruppe ohne Trichterbrust – und im Bereich der Brustwarzen im Durchschnitt um 46% geringer.  

Eckart Klobe stellte in einer privaten Kommunikation die Vermutung an, dass diese Bewegungsdysfunktion bei Trichterbrust eine muskuläre Ursache haben könnte, die eventuell in einer Unterfunktion des Pectoralis minor begründet sein könnte. Sollte dies der Fall sein – derartige Studien wurden aktuell nicht gefunden – könnte hier ein optional verfügbarer Entwicklungspfad bei der Entstehung oder Verschlechterung einer Trichterbrust vorliegen. Insbesondere könnte eine Hypo-Aktivierung (Unteraktivierung) des Pectoralis minor bei Trichterbrustformen vorliegen, die besonders breitflächig im oberen Bereich sind. 

Auch ist Eckart Klobe der Auffassung, dass eine Saugglocke zwar den Trichter überwinden kann, dies jedoch nicht für eine aufrechte Körperhaltung ausreiche. Eine aufrechte Körperhaltung könne nur durch eigene Muskelkraft gewährleistet werden. Die Kombination der Saugglockentherapie mit Gymnastik und gezielten Kräftigungsübungen sei unerlässlich für den maximal erzielbaren Erfolg bei einer Behandlung der Trichterbrust. 

Daten zu Behandlungsbeginn: Patient männlich, Alter 14 Jahre, Körpergröße 1,77 m Gewicht 67 kg, Trichtertiefe 2,3 cm.

Anwendung einer kleinen Saugglocke (19 cm); Daten 11 Monate nach Behandlungsbeginn: Alter 15 Jahre, Körpergröße 1.79 m, Gewicht 69 kg, Trichtertiefe 1,0 cm

Die Frage, inwiefern ein gut trainierter Pectoralis minor an einer aufrechten Körperhaltung und der Korrektur einer Trichterbrust beteiligt sein könnte, fanden wir bisher nicht hinreichend wissenschaftlich untersucht. 

Anatomie und Lage des Pectoralis minor

Anhand der folgenden Darstellung der Lage und der Funktion des kleinen Brustmuskels sollte schon etwas klarer hervorgehen, warum genau dieser kleine Muskel bei der Behandlung der Trichterbrust möglicherweise eine größere Rolle spielt als bisher allgemein angenommen.  

 

 

Der Musculus pectoralis minor ist ein dünner, dreieckiger Muskel, der im oberen Thorax, also dem oberen Brustkorb anzufinden ist. Er liegt direkt unterhalb des Musculus pectoralis major, dem großen Brustmuskel. 

Der Ursprung des Pectoralis minor liegt an der dritten bis fünften Rippe und sein Ansatz am Processus coracoideus (Rabenschnabelfortsatz) der Scapula (Schulterblatt). 

 Funktionen des Pectoralis minor 

  • Das Schulterblatt nach schräg vorne unten ziehen 
  • Die Einwärtsdrehung der Schulter  
  • Atemhilfsmuskulatur und Bewegung der dritten bis fünften Rippe (bei fixiertem Schulterblatt) 

Es handelt sich also um einen Muskel, der direkt aus den Rippen und damit genau aus den Punkten des Körpers entspringt, in denen die maximale Bewegungseinschränkung bei der Trichterbrust-Gruppe vorlag. Daher könnte vermutet werden, dass eine Unterfunktion des Pectoralis minor an der Bewegungsdysfunktion bei der Trichterbrust-Gruppe mitbeteiligt gewesen sein könnte.  

Hinzu kommt, dass der Pectoralis minor ein inspiratorischer Atemhilfsmuskel ist, der während der Einatmung die dritte bis fünfte Rippe anhebt, was zu einer Erweiterung des Brustkorbs führt. Je kräftiger also der Muskel, umso einfacher kann der Brustkorb im oberen Bereich angehoben und ausgedehnt werden. 

Training

Das Training des Pectoralis minor besteht aus drei Übungen, die in einer festgelegten Reihenfolge ausgeführt werden sollten und einer alternativen vierten Zusatzübung. Einer der wichtigsten Aspekte und primäres Ziel ist, dass die Aktivierung des Pectoralis minor bewusst wahrgenommen werden kann. Das ist kein einfaches Anliegen, da die Muskulatur unterhalb des großen Brustmuskels versteckt liegt und der kleine Muskel in der Norm noch nie bewusst genutzt wurde, sodass es seine Zeit dauern kann, bis ein Gefühl dafür entwickelt wird. 

Übung 1:

Der erste Schritt ist das Befreien und das Lösen von Triggerpunkten des Pectoralis minor. Außerdem soll ein erstes Gefühl für den Muskel entwickelt werden. Hierfür wird ein kleiner fester Ball benötigt (Faszienball, Tennisball, Golfball).

  1. Du positionierst Dich vor eine Wand 
  2. Der Arm wird im 90° Winkel seitlich zum Körper angehoben und der Ball zwischen Wand und Brust eingeklemmt                                                                                                          (Genau auf den Pectoralis minor, siehe dazu die Lage des Muskels) 
  3. Der Muskel wird entspannt und Druck auf den Ball ausgeübt 
  4. Nun wird dabei der Arm langsam nach oben und unten bewegt 
  5. Jede Seite wird für 60 – 120 Sekunden bearbeitet 

Übung 2:

Nun kommen wir zu dem konkreten Training des Pectoralis minors. Hierbei kommt es darauf an, dass Du die Fasern des Muskels in Bewegung so kurz bekommst wie möglich, um die maximale Kontraktion zu erlangen. Das Schulterblatt muss dafür nach vorne bewegt werden und die Schultern nach vorne unten eingedreht werden. Bei der Übung handelt sich um eine von mir modifizierte Variante des „Pec Minor Dips“, die deutlich einfacher und sicherer ausgeführt werden kann. 

  1. Du stellst Dich vor einen stabilen Tisch, Sofa, Schrank, oder Ähnliches, auf dem Du Dich sicher abstützen kannst 
  2. Die Arme werden durchgestreckt vor den Körper auf die Ablage positioniert, dabei lieber etwas enger greifen als zu breit 
  3. Nun begibst Du Dich auf die Zehenspitzen, verlagerst das Körpergewicht auf die Arme und Du befindest dich nun in der Ausgangsposition 
  4. Zur Ausführung werden die Schultern langsam nach schräg vorne unten gedrückt (im Verlauf der Muskelfasern des Pectoralis minor) und anschließend wieder nach oben bewegt, indem die Scapula zusammengezogen wird 
  5. Dieser Vorgang wird 20-mal wiederholt und kann in drei Sätzen ausgeführt werden 

Übung 3:

Nun geht es weiter mit der Dehnung des Pectoralis minor. Hierbei soll der Faserverlauf des Muskels so weit auseinander gezogen werden wie möglich. Das bedeutet, es ist die exakte Gegenbewegung von dem, womit der Muskel in Übung zwei arbeitet: Die Scapula wird hier aufwärts rotiert und zurückgezogen.  

  1. Du positionierst Dich seitlich zu einer Wandecke, einem Türrahmen oder Ähnliches 
  2. Nun wird die Schulter an die Wand gelegt und der Arm etwa 45° nach oben bewegt                                                                                                                                                                     (So wird der Ursprung und Ansatz des Muskels so weit auseinandergezogen wie möglich) 
  3. Die Ausgangsposition steht, jetzt verlagerst Du das Gewicht nach vorne und rotierst den Oberkörper etwas von der Wand weg, um den Stretch zu intensivieren.                                (So wird der Ursprung und Ansatz des Muskels so weit auseinandergezogen wie möglich) 
  4. Diese Position wird auf jeder Seite für 30-60 Sekunden gehalten 

Die Übungen können jeden Tag in vorgestellter Reihenfolge ausgeführt werden oder in das aktuelle Training frei integriert werden.

Übung 4 (Alternative)

Hierbei handelt es sich um eine modifizierte Variante der Dumbbell Pullovers (Überzüge).

Die Überzüge dienen Trichterbrust-Patienten primär dazu, den gesamten Brustbereich zu öffnen, die Wirbelsäule zu strecken und sämtliche Hilfsmuskeln zu stärken- und zu stretchen. Aufgrund der Modifizierung der Übung kann der Pectoralis minor noch gezielter angesteuert werden und wird gleichermaßen gestärkt und beweglicher gemacht.

  1. Du wählst eine Hantel oder ein ähnliches Gewicht mit ca. 5 – 10% Deines Körpergewichts
  2. Positioniere Dich auf den Schulterblättern quer über eine Hantelbank, Gymnastikball, Hocker oder ähnlichem.
  3. Die Schulterblätter werden zusammengezogen und die Brust nach oben gedrückt
  4. Dann wird die Hantel mit ausgestreckten Armen über den Kopf gehalten und die Ellbogen nach innen gedreht und während der gesamten Ausführung auch so gehalten              (Das ist sehr wichtig, da der Pec minor durch die Ellbogenhaltung deutlich besser getroffen wird)
  5. Nun werden der Bauch und das Gesäß angespannt
  6. Zusätzlich kann das Becken nach unten genommen werden, um die Streckung auf die Wirbelsäule zu erhöhen und den Stretch auf die Brust und den Bauch zu maximieren. Die Position sollte nur im Falle eines ausgeprägten Hohlkreuzes vermieden werden.
  7. Zur Ausführung wird die Hantel langsam abwärts über den Kopf bewegt und dabei tief in den Brustkorb eingeatmet. In der untersten Position wird der Stretch mit voller Luft im Brustkorb für ein paar Sekunden gehalten und dann mit der Ausatmung wieder nach oben bewegt.
  8. Die Ellbogen sind dauerhaft nur minimal gebeugt und die Schultern bleiben fixiert
  9. Dieser Vorgang wird 15-mal wiederholt und kann in drei Sätzen ausgeführt werden

Der unterschätzte Muskel bei der Behandlung der Trichterbrust?

Der Pectoralis minor sollte bei Trichterbrust ohne Zweifel trainiert werden, da jeder beteiligte Muskel am Thorax in das Training miteinbezogen werden sollte. Die anatomische Lage und die Funktion des kleinen Muskels sprechen dafür, dass das Training des Pectoralis minor deutlich wichtiger sein könnte als bisher allgemein angenommen, da er an der Einatmung beteiligt ist und unmittelbaren Einfluss auf die Bewegung der Rippen ausübt, dessen Fehlen oder Unterfunktion zu einer Bewegungsdysfunktion bei Trichterbrust führen könnte. Die Vorteile eines regelmäßigen Trainings des Pectoralis minor für Menschen mit Trichterbrust könnten folgende sein:  

  1. Mehr Beweglichkeit im Brustkorb und damit eine Überwindung einer typischen Bewegungsdysfunktion im Brustkorb von Trichterbrustpatienten 
  2. Eine aufrechtere Haltung durch eine gesündere Schulterblattposition 
  3. Eine verbesserte Ästhetik durch eine optisch „höhere“ Brust. 

 

Wir hoffen, dass dieses Kapitel zum Pectoralis minor die Trichterbrustbehandlung unterstützen kann und dass es die Diskussion über die Bedeutung des Pectoralis Minor bei der Behandlung von Trichterbrustpatienten anregt. Wir freuen uns über Feedback, Erfahrungen und Fragen unter Kontakt. 

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Christoph Schlüter

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E-Mail: kontakt@training-mit-trichterbrust.de

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